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Herdendynamik – so tickt Dein Pferd unter Pferden

Wenn der Stall dann gewechselt ist, geht die physische und psychische Umstellung meistens erst so richtig los!

Denn wenn dein Pferd Zeit auf dem Paddock, der Koppel oder sogar im Offenstall verbringt, heißt das meistens auch, dass es sich in einer neuen Herde zurecht finden muss – und das ist für jedes Pferd erstmal sehr aufregend und anstrengend.

Herdenstruktur: Der Unterschied zwischen unseren Haus- und Wildpferden

Eine Herde in freier Wildbahn ist in der Regel ein Familienverband.

Ein Leithengst hat sich eine Gruppe von Stuten erobert und diese gedeckt – und die Fohlen laufen so lange mit, bis die Junghengste als Konkurrenten aus der Herde vertrieben werden oder die Jungstuten „gestohlen“ werden.

Auch ein Wechsel des Leithengstes kommt immer wieder vor.

Die Regel: Der Stärkste und Souveränste behauptet sich.

Die abgewanderten Junghengste schließen sich dann zu sogenannten Junggesellengruppen zusammen bis sie stark genug sind, um sich ihre eigenen Stuten zu erobern. Es gibt ganz viele tolle Studien und Fachliteratur zu dem Thema.

Die Unterschiede zeichnen sich aber auch jetzt schon deutlich ab.

Denn unsere Hauspferde können nicht abwandern, wenn sie von dem „Leithengst“ vertrieben werden. Den gibt es in der Regel ja auch gar nicht, weil die meisten Hengst in Gruppenhaltung kastriert werden, um für mehr Harmonie zu sorgen.

Dabei sind reine „Männergruppen“ noch die Haltungsform, die denen der Wildpferde am ähnlichsten ist, da ja auch Wildpferde in Junggesellengruppen umher ziehen, die auch teilweise über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben. Problematisch wird es also oft erst, wenn die Stuten ins Spiel kommen.

Vor allem bei hengstigen Wallachen (und natürlich Hengsten, aber da wohl nicht jeder Nachwuchs möchte…) sorgen Stuten für Hormonchaos.

Vom Streit untereinander um die Mädels bis hin zu unerwünschten Deckakten (Stichwort: Verletzungsgefahr) kann eine gemischte Gruppe für ziemlich viel Trubel sorgen.

Es sollte daher immer genau abgewogen werden, ob ein Wallach für eine gemischte Herde geeignet ist – oft kommen Wallache in einer reinen Männergruppe tatsächlich mehr zur Ruhe.

Viele Stuten sind nämlich auch regelrecht aufdringlich während ihrer Rosse und machen es den Wallachen recht schwer, sie zu ignorieren. Und auch wenn es das ein oder andere Zusatzfutter gibt, das die Hormone etwas im Zaum halten kann, bleibt es eine inpiduelle Entscheidung, womit du und dein Pferd sich wohl fühlen.

Denn auch wenn die reine Männergruppe für deinen Wallach attraktiv scheint, hängt es vor allem von den einzelnen Pferden der Gruppe ab, wie gut sie harmonieren – und ob sich alle Pferde gut verstehen.

Dabei kann vor allem das Alter eine große Rolle spielen.

Denn der 3-jährige Jungspund wird dem 30-jährigen Rentner in der Regel ziemlich auf die Nerven gehen, wenn nicht andere passende Spielgefährten zur Verfügung stehen.

Vor allem wenn ältere Pferde nicht mehr so können, wie sie wollen, sollte man penibel darauf achten, dass auch ihre körperliche Grenzen von den anderen Herdenmitgliedern respektiert werden.

Andererseits sollte natürlich auch bei jungen Pferden keine Langeweile aufkommen und sie sollten sich austoben und damit ausleben können.

Der „Herdenchef“ – die Schlüsselfigur

Eine zentrale Rolle spielt in allen Pferdeherden natürlich „der Chef“ – wobei es den so, wie man ihn sich vorstellt oft gar nicht gibt.

Auch die Struktur innerhalb der Herde ist oft nicht linear.

Das bedeutet, es gibt nicht immer einen „Chef“ der über allen steht und darunter kommt ein Pferd nach dem anderen – die einzelnen Pferde können durchaus unterschiedliche Beziehungen, Freundschaften und Rangfolgen untereinander haben.

Eine Herde ist in der Regel trotzdem umso harmonischer, je souveräner und ausgeglichener der Herdenchef bzw. die Herdenchefin ist.

Denn bei einem souveränen Pferd braucht es keine großen Gesten mit beißen, schlagen oder treten – feinste Veränderungen in der Mimik reichen aus, damit jedes Herdenmitglied die Grenzen respektiert.

Gibt es dann noch genügend Ressourcen (Futter und Wasser) worum kein Konkurrenzkampf entsteht, steht einer harmonischen Herde eigentlich nichts mehr im Weg!

Zumindest dann nicht, wenn das Pferd in der Führungsrolle seiner Aufgabe gewachsen ist.

Denn nicht jedes Pferd ist dafür geeignet, „Leittier“ zu sein – und viele Pferde sind in dieser Rolle dann doch recht schnell überfordert.

Sie sind der Aufgabe für die Herde zu sorgen nicht gewachsen und haben dadurch vor allem psychisch unheimlich viel Stress. Stress, den sie entweder an den anderen Pferden oder auch an uns Menschen auslassen.

Die Herde und das Training

Immer wieder erreichen mich Fragen, was Pferdebesitzer tun können, wenn das Pferd im Training „nicht mehr zu gebrauchen“ ist, seit es in eine neue Herde kam.

Das wichtigste direkt vorweg: So etwas braucht Zeit.

Zeit sich zu sortieren.

Zeit sich mit der neuen Situation, der neuen Herde zu arrangieren.

Als Teil der Herde aufgenommen zu werden und sich mit sich und seinem Umfeld wieder wohlzufühlen.

Sich an neue Routinen zu gewöhnen – und noch so vieles mehr.

Das bedeutet nicht, dass du dein Pferd für ein paar Monate nicht mehr trainieren darfst, wenn es nach der Umstellung nicht mehr wie zuvor klappt – doch es bedeutet, dass du genau analysieren musst, woran es liegt und was du tun kannst, um es deinem Pferd leichter zu machen.

Vielen Pferden hilft die feste und gewohnte Struktur im Training.

Die gewohnten Regeln und ein konsequenter Umgang. Selbst wenn dein Pferd diese Regeln für eine Weile in Frage stellt, kann das für dich die Chance sein, eure Grenzen auf ein noch stabileres und vertrauensvolleres Fundament zu stellen – indem du ruhig, aber konsequent deine Grenzen klar machst.

Es kann aber auch helfen, deinem überforderten Pferd rücksichtsvoll und mit einem angepassten Trainingsplan zu begegnen, weil es sich während der Umstellung nur schwer konzentrieren kann.

Das ist immer eine Charakterfrage – die es ganz inpiduell zu entscheiden gilt.

Viele Pferde profitieren aber sogar von dem Training, werden selbstbewusster und souveräner – und sind so ihrer Aufgabe in der Herde mit der Zeit vielleicht auch immer besser gewachsen.

Wenn Probleme auftauchen…

Eine meiner Teilnehmerinnen hat berichtet, dass das Training vor dem Stallwechsel wirklich gut funktioniert hat, doch jetzt will ihr Pferd nicht mehr alleine bleiben und steigt und bockt im Training.

Das kann natürlich verschiedene Ursachen haben.

Pauschalisieren kann man nichts, weil jedes Pferd und jeder Mensch natürlich inpiduell sind. Trotzdem möchte ich euch ein paar Ideen an die Hand geben, wenn ihr vor einem ähnlichen Problem steht.

Zuallererst überprüfe ich bei so plötzlichen Widersetzlichkeiten den Körper meines Pferdes.

Ist es vielleicht im Trubel der ersten Vergesellschaftung gestürzt? Oder hat es einen Tritt abbekommen? Da Pferde uns im Training oft leise nicht mitteilen können, dass sie Schmerzen haben, weil wir oft dazu neigen die kleinen Signale zu übersehen, entwickeln Pferde teilweise heftige Strategien, um Schmerzen auszuweichen, die z.B. in der Biegung auf dem engen Zirkel entstehen.

Auch das Gewicht des Reiters kann Schmerzen auslösen, wenn der Rücken nicht in Ordnung ist, was das Pferd dazu veranlasst zu bocken oder zu steigen.

Kläre deshalb bei plötzlichen Verhaltensänderungen mit Hilfe eines Physiotherapeuten, Osteopathen oder Tierarzt ab, ob dein Pferd körperlich dazu in der Lage ist, deine Wünsche umzusetzen – oder ob es irgendwo zwickt und dein Pferd sich vor lauter Schmerzen gegen bestimmte Trainingsimpulse wehrt.

Ist körperlich soweit alles in Ordnung, gilt es psychische Aspekte näher zu beleuchten.

Bist du für dein Pferd das Leittier bei dem es sich sicher fühlen kann, wenn ihr die Herde verlasst? Bietest du ihm feste Strukturen, Grenzen und Regeln auf die es sich immernoch verlassen kann – auch wenn alles andere (der Stall und die Herde) neu ist?

Vor allem Pferde, die sehr ranghoch in eine Herde einsteigen, nehmen ihren „neuen Job“ oft sehr ernst und möchten die Herde deshalb nicht mehr verlassen.

Hast du so ein Pferd ist es deine Aufgabe, ihm euer Training als „persönliche Auszeit“ schmackhaft zu machen in der es nicht auf die Umgebung achten muss, weil du diese Aufgabe übernimmst und für eure Sicherheit sorgst.

Dazu darfst du dich – ganz egal was dein Pferd tut! – nicht aus der Ruhe bringen lassen und auf keinen Fall emotional werden!

Denn nur weil etwas schon einmal funktioniert hat, bedeutet das niemals zwangsläufig, dass es immer funktioniert.

Bleibe konsequent aber liebevoll und sorge für eine Atmosphäre in der es deinem Pferd leicht fällt das Richtige zu tun.

Wenn etwas gar nicht klappt, gehe einfach ein paar Schritte im Training zurück – oder fange nochmal „ganz von vorne“ an dein Pferd für jeden kleinen Schritt in die richtige Richtung zu belohnen.

Denn Pferde ärgern dich niemals absichtlich! Es ist deshalb deine Aufgabe ihnen wieder zu zeigen, was du dir von ihnen wünschst!

Beachte außerdem, dass Pferde oft sehr ortsgebunden lernen.

Nur weil etwas an einem bestimmten Ort gut geklappt hat, bedeutet das nicht zwingend, dass dein Pferd die Aufgabe auch an einem anderen Ort sofort versteht.

Unsere Pferde schulden uns nichts – es ist unsere Aufgabe, ihnen so kleinschrittig wie nötig und so einfach wie möglich zu erklären, was wir uns von ihnen wünschen – und unsere eigene Erwartungshaltung außen vor lassen!

Vielen Pferden hilft es sogar, wenn sie sich auf eine Aufgabe konzentrieren müssen. Dann „vergessen“ sie sozusagen, dass sie von ihrer Herde getrennt sind.

Es kann aber auch sein, dass du die Trennung von der Herde wieder ganz kleinschrittig aufbauen musst.

Beginne in heftigen Fällen damit, dein Pferd so weit von der Herde weg zu führen, wie es noch entspannt ist.

Mache es für dein Pferd zu einem positiven Erlebnis – zum Beispiel mit einer Graspause oder seiner Lieblingslektion. Still stehen am Putzplatz und warten ist für die Pferde oft die größte Herausforderung – etwas „zu tun“ ist da meist viel leichter.

Bevor dein Pferd „ausflippt“, bringst du es wieder zurück. Achte genau auf die Körpersprache deines Pferdes um diesen Punkt nicht zu verpassen!

Nun steigerst du die Dauer und die Entfernung Tag für Tag (gern auch mehrmals am Tag) – bis es für dein Pferd wieder das Normalste der Welt wird, immer mal wieder mit dir von seiner Herde getrennt zu sein.

Für dein Pferd soll es sich ja gar nicht anfühlen, als hätte es mit dir keine Herde. Schließlich bist du die Zweier-Herde in der es im besten Fall all das bekommt, was es braucht.

Das wichtigste ist, dass du deinem Pferd und dir die Zeit gibst, die ihr braucht.

Eine neue Herde ist ein großer Einschnitt in das Leben deines Pferdes – sozusagen ein „gezwungener WG-Wechsel“ mit dem sich dein Pferd erst einmal wieder arrangieren muss. Hab deshalb Geduld mit deinem Pferd – die solltest du sowieso immer haben

Denn am Ende kommt man in kleinen Schritten oft viel schneller und entspannter voran als in großen Schritten!

In diesem Sinne viel Spaß beim studieren der Herdendynamik und der Position deines Pferdes!

Auch ich habe vor allem in Kindheitstagen unendlich viele Stunden damit verbracht, zwischen den Pferden auf der Koppel zu sitzen und ihre Eigenheiten und die Körpersprache kennenzulernen.

Je besser du dein Pferd und seinen Charakter kennst, desto leichter fällt dir anschließend auch das Training!

 

Alles Liebe,

Deine Kenzie

"So startest Du erste Führübungen in der Freiarbeit..."

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